Ein Sturkopf mit Visionen
Von Karl-Heinz Büschemann
Unternehmer Ludwig Bölkow war ein Pionier der Luftfahrt
München, 27. Juli Der Mann hatte Ideen, die den Horizont verschoben. Heute würde man von Visionen sprechen, und wenn sich Ludwig Bölkow einmal in einen Gedanken versponnen hatte, ließ er ihn nicht mehr los.
Das galt auch für kleine Dinge wie diese Neon-Hand-Lampe ( mobile Leuchte mit Energiesparlampe! Anm. von SOLUX) für die Dritte Welt. Ein Siemens-Ingenieur hatte den ehemaligen Flugzeugbauer und Unternehmer dafür begeistert, eine handliche Leuchte zu bauen, die mit einem Akku und einer Solarzelle ausgerüstet in Ländern ohne Strom für ein paar Stunden Licht erzeugen kann. Bölkow kaufte die Einzelteile und schickte sie nach Afrika, Südamerika oder Asien, wo kleine Manufakturen die Lampen zusammenbauen. Einige zehntausend dieser Lichter sind schon im Einsatz. Doch noch kosten sie 100 bis 150 Euro. Viel zu viel für die Dritte Welt. „Wenn die Bundesregierung nur 2,5 Millionen Euro für unsere Lampen gäbe“, sagte er vorgar nicht allzu langer Zeit, „was glauben Sie, wie billig die Sache dann würde.“ Bölkow kannte das: „Moderne Technik wird überall boykottiert.“
Mit 91 Jahren ist Ludwig Bölkow jetzt in seinem Haus in München-Grünwald gestorben. Und es wird nun viel von seinen großen Ideen die Rede sein. Zum Beispiel vom Airbag, der auf Bölkow zurückgeht oder von der Magnettechnik des Transrapid, und wer weiß: Vielleicht kann sich die Welt eines Tages auch ohne Erdöl weiter drehen. Auch daran hätte dann der groß gewachsene Mann mit dem Charakterkopf seinen Anteil. Der hatte sich immer einen Spaß daraus gemacht, darüber zu philosophieren, wie die Welt aussehen könnte, wenn sie nicht in die Hände der Politiker gefallen wäre.
Eigentlich war der gebürtige Schweriner ein Flugzeugbauer, dazu ein besonders talentierter. Politik war dem Flugzeugnarren egal. Also entwickelte er als junger Ingenieur im Auftrag Hitlers bei Messerschmitt in Augsburg am ersten düsengetriebenen Jagdflugzeug der Welt. Nach dem Krieg lehnte Bölkow eine Berufung nach Amerika ab, wo er wie der Raketenbauer Wernher von Braun hochfliegende Pläne hätte realisieren können. In Stuttgart baute er Flugzeugbau war verboten erst Baumaschinen. „Die brauchte man. Es war ja alles kaputt.“
Mit der deutschen Wiederbewaffnung kam Bölkow, den der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß nebst seiner Entwicklungsfirma nach München holte. Er baute erst einmal Panzerabwehr-Raketen, später Flugzeuge. Er revolutionierte den Hubschrauberbau und als Vater der europäischen Airbus-Industrie, die inzwischen jedes zweite Verkehrsflugzeug der Welt baut, gilt Bölkow auch. Sein Unternehmen wurde zu einer ersten Adresse in der Welt. Lange hieß der Konzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). Er baute an Kampfflugzeugen mit, an TV-Satelliten oder an der Ariane-Rakete. Der Sitz war im südlichen Münchner Stadtteil Ottobrunn und Ludwig Bölkow war bis 1977 dessen Chef. Ein paar Jahre später wurde daraus die „Dasa“, weil Daimler-Benz den Konzern übernommen hatte. Inzwischen ist die Flugzeugschmiede längst im europäischen EADS-Konzern aufgegangen.
Doch Antreiber und Visionäresind nicht immer die idealen Unternehmer. Auch Bölkow musste sich den Vorwurf gefallen lassen, es mangele ihm am Kostenbewusstsein. Er wurde mit 65 aus der Firma gedrängt. Doch machte er gleich in der Ottobrunner Nachbarschaft ein eigenes Entwicklungsbüro auf. Sein Motto war dabei ein Satz, mit dem er schon immer seiner Umgebung auf die Nerven gegangen war: „Das muss man ganz anders machen.“
Das wichtigste Thema des alten Herren: Die Energieversorgung. Die Welt könne nur mit Sonnenenergie gerettet werden. Um alle Menschen mit Strom oder Treibstoff zu versorgen, brauche man in der Sahara nur eine quadratische Kollektorfläche mit einer Seitenlänge von 500 Kilometern. Wer ihm vorhielt, es werde ja wohl schlecht möglich sein, eine Fläche abzusperren, die halb so groß wäre wie Deutschland, dem hielt der alte Herr streng entgegen. „Man muss die Entwicklungen langfristig angehen und fanatisch sein.“ Aber, Herr Dr. Bölkow, ist die Welt denn mit vernünftigen Ideen überhaupt zu retten? In breitem Mecklenburger Tonfall seufzte er nur: „Ick weeß dat nich. Aber die vernünftigen Ideen die haben wir.“